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Welttag der Philosophie in Teheran
Iran

Die Unesco hat den diesjährigen Welttag der Philosophie an die Islamische Republik Iran vergeben. Es ist lachhaft und zugleich traurig, dass ein diktatorisches Regime, das seine Intellektuellen und Andersdenkenden willkürlich verhaftet, foltert und hinrichtet und freies Denken und Reden verbietet, der Organisator für den diesjährigen Welttag der Philosophie spielen darf. Das wahre Gesicht der Putschregierung Ahmadinejads ist aber nicht mehr unter solch heuchlerischer Maske zu verstecken.

Der Text unten wurde uns freundlicher Weise von der Deutsch-Iranischen Gesellschaft in Bonn zugesandt.

 

Ich werde nicht  in Teheran sprechen
Die Unesco hat den diesjährigen Welttag der Philosophie an die Islamische Republik Iran vergeben. Der  von Präsident Ahmadineschad eingesetzte  Oberphilosoph hetzt  gegen Dissidenten. Von Otfried Höffe

Otfried Höffe ist Professor für Philosophie und Leiter der Forschungsstelle Politische Philosophie an der Universität Tübingen.


 

Kaum eine Institution ist besser geeignet, um dem voreilig behaupteten Zusammenprall der Kulturen modo philosophico entgegenzuwirken, als der Weltphilosophietag. Von der Erziehungs-, Wissenschafts- und Kulturorganisation der Vereinten Nationen, der Unesco ins Leben gerufen, will die seit dem Jahr 2002 jährlich im November stattfindende Veranstaltung die Rolle der Philosophie im Gespräch zwischen den Kulturen stärken. Zugleich will sie der Grundaufgabe der Vereinten Nationen dienen, dem Frieden in der Welt. Das in Form eines Kongresses organisierte Großereignis wird immer kräftig beworben, da es dem jeweiligen Land hohes Prestige einträgt und den dortigen Philosophen das Gespräch mit Kollegen aus aller Welt ermöglicht. Für das Jahr 2010 wurde der Weltphilosophietag an die Islamische Republik Iran vergeben. Sie hatte sich unter Verweis auf ihren reichen intellektuellen Hintergrund sowie ihre bedeutenden philosophischen Schulen beworben.

 

Man darf weder das intellektuelle noch das organisatorische Niveau des Landes unterschätzen. So setzte Iran sehr rasch eine gründliche Vorbereitung in Gang. Deren wissenschaftliche Leitung wurde jener Teheraner Akademie für Weltweisheit und Philosophie anvertraut, die sich auch Iranisches Philosophie-Institut nennt und der ich seit Besuchen im Kant-Jahr 2004 als erstes ausländisches (Ehren-)Mitglied verbunden bin.

In Absprache mit der Unesco wählte man wie üblich ein weitläufiges Thema. Der Obertitel "Philosophie: Theorie und Praxis" erlaubt, sich mit mehr als einem Dutzend Unterthemen zu befassen: von der Geschichte der Philosophie, der Ethik, der Annäherung der Kulturen und einer Kultur von Frieden über Religion und Spiritualität, Politik, Wissenschaft und Technik bis zum Alltagsleben, der Öffentlichkeit, Kunst und Literatur, nicht zuletzt zum Komplex Kultur-Familie-Jugend. Und erwartungsgemäß fehlt weder das Stichwort Umwelt noch der Blick der Philosophie auf die Zukunft.

Zur gründlichen Vorbereitung gehört auch eine Reihe von Kongressen, die unter dem Titel "Islamische Philosophie und gegenwärtige Herausforderungen" in Teheran und in der Stadt Hamadan begann, die auf dem Boden der Hauptstadt der Meder errichtet worden ist.

 

Freie Rede in der Diktatur?

 

Vor zwei Jahren nahm ich am Weltphilosophietag in Istanbul teil. Ich konnte mich des intellektuellen und interkulturellen Wertes dieser Institution vergewissern, so dass sich meine Skepsis gegenüber derartigen Großkongressen abmilderte. Auch politische Erwartungen wurden korrigiert: Wer beispielsweise die patriarchalischen Verhältnisse unter zugewanderten Türken irrigerweise auf die Türkei selbst überträgt, wurde vom hohen Frauenanteil unter den türkischen Zuhörern und Referenten überrascht. Und die Leitung des Kongresses lag selbstverständlich in der Hand keines Politikers oder Managers, sondern eines puren Philosophen, hier der fachlich und menschlich bewundernswerten Doyenne der Philosophie in der Türkei, einer Vorkämpferin für die Anerkennung der Menschenrechte in ihrem Land, Ioanna Kuçuradi.

 

Von einem Teheraner Weltphilosophietag musste man dasselbe erwarten: den freien philosophischen Gedankenaustausch auf hohem wissenschaftlichem Niveau und ohne politische Zensur. Nach der Einladung des Direktors der Teheraner Akademie, Gholamreza Aavani, einen Hauptvortrag zu halten und überdies deutsche und ausländische Kollegen zur Teilnahme zu gewinnen, habe ich mit Kennern die Pro- und Kontra-Argumente überlegt. Generell sprechen für die Teilnahme die Möglichkeit einer freien Debatte, im Fall Irans zusätzlich die Chance, Grundsätze der iranisch-islamischen Philosophie in den allgemeinen Philosophiediskurs einzubringen und iranische Studenten über neueste Entwicklungen der Philosophie in aller Welt zu informieren.

 

Auf der Gegenseite steht der Umstand, dass man in einem Land mit einer unberechenbaren Diktatur auftritt. Nach Abwägen des Dafür und Dawider habe ich mich zunächst entschlossen, Kollegen aus Brasilien, den Vereinigten Staaten und Deutschland für Vorträge zu gewinnen und selbst zum Thema "Heilige Schriften innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft" zu sprechen. Mit kantischen Überlegungen zum Verhältnis von Philosophie und Offenbarung wollte ich zur Aufklärung in einem stark von der Religion geprägten Land beitragen. Jetzt allerdings sehe ich mich gezwungen, die Zusage zurückzunehmen.

Für einen derartigen Schritt braucht es mehr als nur guter, es bedarf sehr guter Gründe. Ihr Kern besteht in der enttäuschenden Nachricht, nicht Gholamreza Aavani, sondern Haddad Adel sei der Leiter ("chief") der Veranstaltung geworden, direkt von Präsident Ahmadineschad ernannt. Der Philosophieprofessor Adel hat zwar vor längerer Zeit Kants "Prolegomena" übersetzt und verspricht seit langem eine Übersetzung des nach Schopenhauer "wichtigsten Buches, das jemals in Europa geschrieben worden" ist, also von Kants "Kritik der reinen Vernunft". Adel ist aber nicht bloß akademischer Philosoph, sondern in die Machenschaften der politischen Führung so intim verstrickt, dass man die seit Ahmadineschads Präsidentschaft veränderte Lage nicht in den Hintergrund schieben darf. Noch vor wenigen Wochen hat Adel Dissidenten eine Wiederholung von "Kahrisah" angedroht, also Einsperrungen Dutzender Personen in einen Container, systematisches Vergewaltigen von Jugendlichen und erwachsenen Männern und das Verbrennen der Leichen von Folter-Opfern.

 

Propagandisten im Beirat

 

Zu Adels Leitung passt, dass sich unter den Mitgliedern des wissenschaftlichen Beirates Djavad Laridschani findet, der Vorsitzende beziehungsweise Sekretär der iranischen Menschenrechtskommission, die in Wahrheit als Dementier-Maschine tätig ist. Ihre Arbeit erschöpft sich nämlich in der systematischen Leugnung der Menschenrechtsverstöße in Iran sowie in der Verurteilung von Menschenrechtsverstößen in Israel und den Vereinigten Staaten. Laridschani behauptet sogar, Iran sei "das freieste und demokratischste Land der Welt", und alle Dokumente und Filme über die Geschehnisse der letzten Monate in Iran, teilweise sehr erschütternde Videos, seien Fälschungen des Imperialismus und der Spione des Imperialismus in Iran. Von derartigen "Gutachtern" ist mit einer Zensur, zumindest der iranischen Beiträge, zu rechnen.

Hinzu kommt, dass ein so wichtiges Mitglied der Akademie wie Mohsen Kadiwar, dessen Vortrag über "Kant in Iran" mich damals beeindruckt hat, weder an einer Universität noch an der Akademie arbeiten kann. Statt ihn, der immerhin Mitglied des wissenschaftlichen Rats des Instituts gewesen ist, in den wissenschaftlichen Beirat des Weltphilosophietags aufzunehmen, wird ihm, der sich derzeit in den Vereinigten Staaten aufhält, die Einreise in sein Heimatland verboten.

 

So droht die Gefahr, dass ein Weltphilosophietag als Propagandaveranstaltung des Staatspräsidenten missbraucht wird. Dazu kann ich meine Hand nicht reichen. Ich habe, gegenüber dem integren Direktor Aavani mit großem Bedauern, meine Teilnahme abgesagt. Nicht die wissenschaftliche Kompetenz der Akademie begründet meine Absage, vielmehr die politische und akademische Lage: Zurzeit wird so gut wie keine kritische Stimme in Iran toleriert. Dies lässt sich nicht nur an der Lage der iranischen Presse und des Verlagswesens ablesen. Es zeigt sich auch in den jüngsten Stellungnahmen iranischer Politiker zu den Geisteswissenschaften sowie in ihrer Praxis gegenüber andersdenkenden Wissenschaftlern und Intellektuellen. Als Philosoph kann man nur auf eine radikale Änderung der Entwicklung hoffen, damit sich die bislang gute Zusammenarbeit weiterführen lässt. Unter den derzeitigen Umständen jedenfalls verrät der Weltphilosophietag seine Aufgabe, unter allen Kulturen den freien Diskurs zu pflegen.

 

Quelle: F.A.Z., 15.07.2010, Nr. 161 / Seite 29

 

 
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